Die Piraten-Partei ist spätestens seit der Europawahl immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Wie die Besucher von Wahlradar vielleicht festgestellt haben, ist die Piraten-Partei (und ihr nahe Websites) noch nicht auf unserer Wahlradar-Karte zu finden. Das Fehlen hat nichts damit zu tun, dass wir die Piraten-Partei ignorieren, sondern ist schlicht und ergreifend technischer Natur. Die erste Kategorisierung fand im Frühjahr dieses Jahres statt und um ehrlich zu sein, spielte die Piratenpartei vor ihrem Erfolg bei der Europawahl noch eine untergeordnete Rolle. Wir, die Macher von Wahlradar sind auch etwas vom Erfolg überrascht worden.
Wir scannen die Blogosphäre permanent und checken auch die Verlinkungen der Websites.
Bei unserem nächsten Release wird die Piraten-Partei sicherlich auf der Karte vorkommen. Auch nach der Aufnahme der Piratenseiten wird die Karte jedoch nicht alle diese Seiten anzeigen. Auf der Karte werden nämlich nicht alle Websites dargestellt (auch nicht die der anderen Parteien), sondern eine Auswahl. Die Auswahl steuern wir über den Verlinkungsgrad, weil das für uns ein Gradmesser für die Relevanz ist. Als “Netzpartei” werden es aber mit Sicherheit etliche der Piratenseiten auf die Karte schaffen.
Das Besondere bei Wahlradar, im Gegensatz zu anderen Anbietern ist, dass wir die Blogosphäre nicht nur monitoren, sondern dass wir sie segmentieren. Diese Kategorisierung für die Segmentierung und die Erstellung einer neuen „Karte“ ist sehr aufwendig. Wir bitten deswegen um ein wenig Geduld.
In den nächsten 2 Wochen wird aber auf jeden Fall eine Analyse zur Piraten-Partei auf unserem Wahlradar-Blog zu lesen sein.
31. August 2009
Wahlradar und die Piraten-Partei
27. August 2009
Das Phänomen zu Guttenberg – Fixstern der Medien und neuer Sonnenkönig der Christdemokraten?
Karl-Theodor zu Guttenberg ist ohne Zweifel der politische Aufsteiger des Jahres. Gut angezogen, eloquent, mit sachlicher Attitüde und positiver Ausstrahlung erzielt er außergewöhnliche Popularitätswerte in der Bevölkerung und ist folgerichtig auch Liebling der Medien. Aber spielt er auch im Web eine besondere Rolle und vor allem: Wie wird er dort diskutiert und kommentiert? Die Forscher von Q | Agentur für Forschung und linkfluence Deutschland haben sich die Frage vorgenommen und die Resonanz auf zu Guttenberg vom 1. Juli 2009 bis zum 24. August 2009 im politischen Web analysiert. Grundlage sind ca. 1600 Artikel und Postings, in denen zu Guttenberg Thema war.
Zu Guttenberg spielt auch im politischen Web eine besondere Rolle. Das macht ein Blick auf die Präsenz einiger wichtiger Politiker schnell deutlich. Medial etwa ist seine Präsenz fast mit der des SPD-Spitzenkandidaten Steinmeier vergleichbar, allerdings mit sehr unterschiedlichen Schwerpun-kten in Blogs bzw. professionellen Online-Medien.
Einige Spitzenpolitiker im Netz – ein quantitativer Vergleich
Die Zahlen beziehen sich auf Posts und Beiträge, in denen die jeweiligen Politiker in den letzten 2 Monaten genannt oder zitiert wurden:
Beiträge gesamt (politische Blogs und professionelle Online-Medien): 10.880
Davon in polit. Blogs/social Media: 61%
Professionelle Online-Medien: 39%

Die Übersicht zeigt das große Gefälle in der Präsenz einiger wichtiger Politiker und damit die Sogwirkung der öffentlich dominierenden Personen. Das muss sich nicht unbedingt proportional in Wählerstimmen niederschlagen, bedeutet aber doch einen Platzvorteil in der öffentlichen Debatte. Wenig überrascht dabei, dass Angela Merkel bei Bloggern wie in den Online-Medien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Nichts anderes erwartet man von der Kanzlerin. Erstaunlich ist dagegen, dass Frank-Walter Steinmeier zwar in den Blogs Thema ist, aber bei den Online-Medien eine relativ geringe Rolle spielt. Über die Ursachen kann man nur spekulieren, aber offensichtlich läuft seine Medienstrategie im Netzt seit Wochen ohne die gewünschte Durchschlagskraft.
Im Vergleich dazu findet zu Guttenberg auch im Netz beträchtliche Resonanz - in Blogs und sozialen Netzwerken, stärker aber noch in den klassischen Online-Medien. Für die Union ist dies zunächst ein großer Pluspunkt. Zwei richtige Asse im Ärmel (Merkel und zu Guttenberg) sichern den medialen Hebel, den die Kampagne in der Schlussphase braucht und hilft, beim Agenda-Setting die Nase vorn zu haben.
Allein, Bekanntheit und Aufmerksamkeit sind nicht alles. Das gilt im Marketing wie in der Politik. Es lohnt daher der Blick auf Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit der „Marke“ zu Guttenberg. Die Analyse zeigt, dass die politischen Communities sehr unterschiedlich reagieren.
Besonders viel Resonanz erzielt zu Guttenberg bei den professionellen Online-Medien. Ohne Zweifel ist er für sie eine Steilvorlage. Kein Wunder, denn in einer personell abgegrasten, ausgesprochen trocken und langweilig wirkenden politischen Landschaft sorgt er zumindest für Abwechslung und punktet damit gegen die Riegen eher farbloser und unspannender Politiker. Ursache ist nicht zuletzt seine polarisierende Wirkung als Adliger, Senkrechtstarter und ausweislich der Umfragen populärer Spitzenmann. Gerade weil er diese Position ohne nachgewiesenen politischen Erfolg einnimmt, wird er aber durchaus kontrovers diskutiert, ruft Widerstände, Missgunst und skeptische Kritik hervor.
Topthemen, mit denen er in Zusammenhang gebracht wird, sind Opel, das Gesetz-Outsourcing bei Linklaters und das vermeintliche Industriekonzept. Hinzu kommt eine Vielzahl von Nebenthemen: Kritik an den Regeln für Banker-Boni, der CSU-Minister auf CDU- Plakaten, seine Kritik an Steinmeiers Deutschland-Plan, Widerstand gegen den Gesetzentwurf von Frau von der Leyen, die Hakeleien mit Seehofer oder seine Beliebtheit in Umfragen. Immer aber bietet das Material Reibungsflächen und damit Futter für erhitzte Gemüter. Das macht ihn interessant, ohne dass er als politischer Wadenbeißer abgetan werden kann.
Auch in der Community der politisch eher neutralen Blogs und Sites widmet man ihm große Aufmerksamkeit. Die Resonanz ist für die ansonsten sehr kritische Community durchaus günstig. Viele Artikel und Kommentare setzen sich differenziert mit ihm auseinander, greifen die aktuellen Themen auf, kritisieren und loben. Unverkennbar: Auf der einen Seite fasziniert die Person, man begegnet ihr mit Respekt. Auf der anderen Seite spürt man beträchtliche Zurückhaltung. Schließlich ist er ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt und deshalb schwer einzuschätzen. Wie Lewis Hamilton schoss er an die Spitze, so eine Metapher, aber ob er ein Michael Schumacher werden kann, ist noch ungewiss.
Deutlich geringer dagegen fällt der Anteil der Beiträge aus, die aus den parteinäheren Communities kommen. Allerdings wird hier die polarisierende Wirkung des Wirtschaftsministers deutlicher.
• Die konservative Community verhält sich überraschend ruhig und posted erstaunlich wenig. cht grundlos ist von daher der Eindruck mancher Beobachter, dass der neue Star am politischen Himmel stärker über die Union hinaus statt in sie hinein wirkt. Grundsätzlich schreibt man über ihn natürlich positiv. Allerdings machen sich vor allem bei konservativen Querdenkern auch kognitive Dissonanzen breit. Ist er mehr als ein populäres Strohfeuer? Zeichnet er das richtige Bild von der Unionspolitik? Oder wirkt er als eine abschreckende Vorlage für schwarz-gelbe Koalitionsalbträume?
• In der sozialdemokratischen Community hält man sich noch erstaunlich zurück. Wo man sich mit ihm auseinandersetzt, dominieren offene Abneigung gegen den allzu glatt wirkenden Newcomer, Schadenfreude über Stolpersteine wie das industriepolitische Papier oder die Causa Linklaters sowie die hämisch kommentierte Tatsache, dass zu Guttenberg den arrivierten Politikern in der CDU/CSU und vor allem seinem Mentor Seehofer die Show stiehlt.
• In der liberalen Community ist der Wirtschaftsminister derzeit noch erkennbar ein politischer Gegner. Allerdings: Der Mann fasziniert auch. Er stellt einen Politikertypus dar, wie man ihn seit langem vermisst: „Elegant, charmant, (relativ) jung und womöglich sogar standhaft“. Die Sehnsucht nach einem solchen Typus für die FDP ist unverkennbar. Mal irritiert, mal süffisant stellt man aber auch fest, dass die CDU nun anscheinend schon CSU-Politiker jenseits des Weißwurstäquators plakatieren muss: Fehlen der CDU etwa die überzeugenden Köpfe, die neben der Kanzlerin punkten und überzeugen können?
• In der grünenfreundlichen Community ist zu Guttenberg kein wichtiges Thema. Man geht mit ihm kritisch, aber moderater und weniger auf die Person zielend um als etwa die linke Community. Politisch aber wird er als negativer Vorbote einer industriefreundlichen schwarz-gelben Koalitionspolitik gewertet. Aussagen zu erneuerbaren Energien als Schwerpunkt des Wirtschaftsministeriums sorgen für Heiterkeit oder ungläubiges Kopfschütteln. Glaubwürdig wirkt das nicht. Typisch findet man eher die Haltung zur Atomenergie.
• Am negativsten reagiert die linke Community. Hier liegen die Verhältnisse einfach: Der adlige Minister ist (fast schon qua Geburt) Feindbild und Ausgeburt des bösen Neoliberalismus. Man wirft ihm soziale Kälte vor, rechnet mit Angriffen auf die bestehenden Mindestlöhne und erwartet die Auslieferung der Politik an die mächtigen Lobbys der Wirtschaft. Zumindest hier also wirken weder seine ausgesuchten Manieren, noch seine Eloquenz.
Ohne Zweifel hat es der Wirtschaftsminister in kurzer Zeit zu ungewöhnlichem politischen Markenstatus gebracht. Er spielt dadurch eine bedeutende Rolle in der politischen Auseinandersetzung, auch im politischen Web. Stärker als außerhalb des Netzes fällt allerdings die sehr differenzierte Wahrnehmung des Politikers auf. Er wird ernst genommen, man lobt die wohltuend andere Art und damit den Kontrast zum allzu bekannten politischen Personal. Darüber wird aber nicht vergessen, sich auch kritisch mit Inhalten auseinanderzusetzen. Der Trubel um die Person kann das große inhaltliche Manko der Union nicht wettmachen. Zudem ist eine gehörige Portion Skepsis in Blogs und Medien erkennbar: Völlig offen scheint vielen, ob dieser neue politische Popstar nur als bald wieder verglühender Komet den Wahlkampf ausleuchtet, oder ob er dauerhaft und erfolgreich die politisch-personelle Ausstattung der Republik aufwerten kann.
Bleibt die Frage, ob zu Guttenberg das Blatt für die Union entscheidend beeinflussen kann. Bis zum 27. September sind es noch gute 4 Wochen. Selbst für diesen kurzen Zeitraum muss sich erst noch zeigen, ob der neue Star mehr als nur Aufmerksamkeitswirkung hat. Die Geschichte fordert eher die zurückhaltende Prognose. Die Deutschen waren in den letzten Jahrzehnten kein Volk für vordergründige Wahlentscheidungen. Am Schluss muss also Butter bei die Fische. Ob zu Guttenberg dann mehr als ein populäres Add-On ist, wird sich erst noch zeigen müssen.
20. August 2009
Stell Dir vor es ist Wahlkampf und keiner kämpft
Na was denn jetzt? Haben wir bald Bundestagswahl oder nicht? Glaubt man einer aktuellen Umfrage des Stern, wissen das viele Bürger nicht so recht. 48% der Befragten wussten auf die Frage “Können Sie mir sagen, wann in diesem Jahr die Bundestagswahl stattfindet?” keine richtige Antwort. Der Befund irritiert 6 Wochen vor der Wahl umso mehr, als nicht einmal nach dem exakten Datum gefragt wurde, sondern auch ungefähre Angaben wie „Ende September“ als „richtig“ gezählt hätten.
So richtig Stimmung kommt anscheinend irgendwie nicht auf. Wir wollten deshalb wissen, ob es wenigstens im politischen Web nach Wahlkapmfpulver riecht. Schließlich hatten wir noch vor zwei Wochen an dieser Stelle mit einem gewissen Aufatmen – demokratisches Engagement ist schließlich Bürgerpflicht – berichtet, dass der Wahlkampf im politischen Web begonnen habe. Anlass war die Vorstellung des Deutschland-Plans von Frank-Walter Steinmeier, die zu allerhand Resonanz führte.
Die aktuelle Auswertung von linkfluence Deutschland/Q Agentur für Forschung mit www.wahlradar.de zeigt, dass die Bundestagswahl und der Wahlkampf zwar Thema im politischen Web sind, die Beiträge aber häufig von einer Mischung aus Langeweile, Frust und Unlust geprägt sind.
Die oberflächlichen, „nackten“ Zahlen der Gesamtresonanz lassen zunächst das Gegenteil vermuten: Zwischen dem 15.8. und dem 19.08.2009 (11.00 Uhr) fanden sich im politischen Web über 1100 Postings zu Bundestagswahl und Wahlkampf. Der Blick auf die Details wirkt dann allerdings doch sehr ernüchternd. Es kristallisieren sich nämlich 6 dominierende Themen-Cluster heraus, die im Moment das politische Web bewegen:
* Langeweile im Wahlkampf
* Der Kampf der „Giganten“ gegeneinander: SPD versus CDU, oder besser gesagt: Münte versus Merkel und zu Guttenberg
* Das angebliche industriepolitische Gesamtkonzept von Minister zu Guttenbergs sowie das „Durchsickern“ desselben
* Berichte über Wahlkampfauftritte und Aussagen von und über einzelne Politiker
* „Spaßthemen“, z.B. Wahlplakat-Aufreger á la Vera Lengsfeld oder die „Kampagne“ von Horst Schlämmer
* Sowie die anstehenden Landtagswahlen.
Von großen politischen oder gar bundespolitischen (um angemessen präzise zu sein) Themen, Konfliktlinien, Konzepten, Lösungen, gar richtungsweisenden und richtungsentscheidenden Auseinandersetzungen fehlt jede Spur. Es ist geradezu auffällig, wir oft man sich aus einer Art distanzierter Vogelperspektive über Wahl und Wahlkampf äußert: ohne sich wirklich zu engagieren, Partei zu ergreifen, inhaltlich und politisch vertieft zu diskutieren. Es geht eher um das Wie als um das Was. Sachthemen oder politische Kernthemen kommen kaum vor.
Stattdessen haben teils abseitige Nebenthemen Konjunktur. Regionale Possen werden zum bundesweiten Thema (siehe unseren Beitrag aus der letzten Woche: Welthits im Wahlkampf), Stilfragen verursachen Stürme im Wasserglas, Satireaktionen wie die Horst-Schlämmer-Partei amüsieren das Publikum.
Die Online-Medien leisten dazu ihren Beitrag und pushen die Themen. Was sollen sie auch machen, wenn die inhaltliche Auseinandersetzung ausfällt? Es ist vom Kuschel- oder Null-Wahlkampf zu lesen oder schlicht und ergreifend vom langweiligsten Wahlkampf der Geschichte der Bundesrepublik. Dieser „Watte-Wahlkampf“ ist ganz sicher nicht nach ihrem Geschmack und so müssen sie die Brosamen auflesen, die vom spärlich gefüllten politischen Tisch fallen. Ihre Titel und Kommentare spiegeln die Situation wider:
* „Sechs Wochen noch…: Merkel und der entpolitisierte Watte-Wahlkampf“ (WELT ONLINE)
* „SPD: Wahlkampf: Merkel, Münte und der kalkulierte Krawall“ (sueddeutsche.de)
* „Analyse: Wahlkampf ohne Fragen - Dass ein Wahlkampf weder von den Parteien genutzt wird, um sich neu zu profilieren, noch von den Bürgern in Anspruch genommen wird, die bisher vereinten Regierungspartner getrennt zur Rede zu stellen, ist in der Geschichte der Bundesrepublik ziemlich neu. Die von der Politik verabreichte Krisenmedizin wirkt.“ (FAZ.NET)
Es ist kaum zu übersehen, dass die große Koalition die Konturen zwischen den politischen „Marktführern“ für das Publikum bis zur Unkenntlichkeit verwischt hat. Der Wahlkampf zeigt aber nun, dass es sogar den Koalitionspartnern große Mühe macht, sie wieder scharf zu zeichnen. Die Frage muss erlaubt sein, ob ihnen nur die Worte fehlen, ob alles nur ein Marketingdesaster ist, oder ob das Problem nicht vielleicht doch tiefer liegt: Nämlich in dem, was diese großen Marken politisch zu bieten haben.
Die Folgen werden wir ab dem 27. September besichtigen können. Bis dahin bleibt angesichts einer miserablen Mobilisierung durch einen langweiligen Wahlkampf alles offen. Nur eines scheint sicher: Es wird so manche böse Überraschung geben. Der Blick in die politischen Communities lässt es erahnen:
Von den über 1100 Beiträgen zwischen dem 15.8. 2009 und dem 19.8. vormittags entfallen 51% auf die professionellen Medienseiten, ein durchaus moderater Anteil im Vergleich zu anderen Themen. Wirklich erstaunlich sind aber die Anteile der anderen Sub-Communities:
* Nicht parteinahe Institutionen/Organisationen/Verbände etc.: 26 %
* Linke Community: 5 %
* Sozialdemokratische Community: 4 %
* Satire Community: 4 %
* Liberale Community: 3 %
* Rechte Community: 3 %
* Konservative Community: 2 %
* Grüne Community: 1 %
Spätestens jetzt sollten bei den Wahlkämpfern in den Parteizentralen wohl die Alarmsirenen schrillen. Denn die parteinah engagierten Webaktiven machen in Passiv statt Aktiv. Ihre Anteile an den Postings liegen durchweg deutlich unter ihren Anteilen an den Sites im politischen Web. Dagegen liegt der Anteil bei den nicht Parteinahen deutlich darüber. Und gerade hier wird der öde Wahlkampf lautstark beklagt. Ohne Zweifel lässt sich das als Indikator für ein gravierendes Mobilisierungsdefizit deuten. Es betrifft aber wohl nicht nur die Sozialdemokraten, für die man es nach den Berichten der letzten Monate nicht mehr anders erwarten würde. Auch die Konservativen bleiben weit unter ihren Möglichkeiten, die Debatten und damit die Meinungsbildung zu beeinflussen.
Was sich hier im politischen Web zeigt, dürfte in der weniger webaffinen Bevölkerung kaum anders aussehen. Die Berichte aus Bevölkerungsumfragen lassen das jedenfalls vermuten. Das politische Web erweist sich damit wieder einmal als ein schnell analysierbarer, sehr aufschlussreicher Indikator für den Stand der öffentlichen Debatte.
13. August 2009
Welthits im Wahlkampf - über die Tücken des Erfolges
Der Wahlkampfstart steckt doch noch im Sommerloch fest. Diese Einschätzung drängt sich auf, wenn man den Stand der Dinge um die alle vier Jahre stattfindende, eigentlich doch richtungsweisende Bundestagswahl zusammenfasst. Die richtig großen Themen fehlen ebenso wie die richtig interessanten Alternativen. In einer solchen Situation können Ereignisse den Weg in die öffentliche Aufmerksamkeit schaffen, die normalerweise nur das Potenzial zur Glosse haben. Das Ergebnis ist ein kleines Lehrstück über die Vordergründigkeit von Erfolgskennziffern und die Tücken von Aufmerksamkeit.
Was ist passiert: Vera Lengsfeld, die für die CDU in Berlin-Kreuzberg gegen Christian Ströbele, den einzigen direkt gewählten Grünen-Abgeordneten, um den Einzug in den Bundestag kandidiert, launcht ein Plakat mit ihr und Bundekanzlerin Angela Merkel. Dort sieht man sie und die Kanzlerin, tief dekolletiert und mit Perlenkette um den Hals über dem Claim: “Wir haben mehr zu bieten!”. Sie verschafft sich damit allerhand Aufmerksamkeit. Die Tagespresse schreibt, das politische Web schreibt, auf Ihrem Blog steigen die Besucherzahlen in ungewohnte Höhen. Für Frau Lengsfeld ist diese Aktion deshalb ein voller Erfolg. Am 12.8.2009 titelt sie in ihrem Blog: “Unser Plakat ist ein Welthit und 31.500 Besucher auf unserem Blog!”
Die Forscher von Q Agentur für Forschung und linkfluence wollten es genauer wissen und sind der Webresonanz auf diese Aktion nachgegangen. Und tatsächlich, die Plakatkampagne hat zumindest eines erreicht: Im Jahr 2009 gab es ca. 220 Posts und Beiträge über Vera Lengsfeld im politischen Web. Davon ca. 100 allein in den letzten 3 Tagen. (Stand 12.8. abends). Und 31.500 Blogbesucher sind für Frau Lengsfeld sicher auch kein Pappenstiel. Damit ist zunächst ein wichtiges Kommunikationsziel erreicht: Die Awareness konnte beträchtlich gesteigert werden. Auch daheim in Kreuzberg könnte das Thema den Alltag bereichern.
Awareness aber ist nicht alles, und tatsächlich gibt es eine andere Seite der Medaille, die weder Frau Lengsfeld noch den Wahlkämpfern der Union gefallen dürfte: die Reaktionen der ersten Tage sind eine schlichte Katastrophe. Davon zeugen zahlreiche Kommentare auf ihrem Blog, aber auch die Reaktionen im politischen Web. Ganze 3 Prozent sind positiv, 40% neutral oder journalistisch emotionslos, letztere fast ausschließlich von professionellen Medienseiten. 57% dagegen sind negativ, höhnisch oder im besten Falle von ungläubigem Staunen geprägt. Einige Beispiele von Schlagzeilen illustrieren diesen Eindruck
* Bild.de: “Dekolleté und Knack-Po - So versext war der Wahlkampf noch nie”
* taz.de: “Bizarres Plakat von CDU-Kandidatin: Busen-Wahlkampf in Berlin”
* WELT ONLINE: “Sex sells: CDU-Politikerin setzt Oberweiten im Wahlkampf ein”
* sueddeutsche.de: “CDU: Lengsfeld wie Merkel: Das politische Dekolleté”
Vera Lengsfeld selbst verteidigt ihr Plakat im Gespräch mit dem Tagesspiegel (Lengsfeld-Plakat: “Es ist kein Sex, sondern Humor”). Sie lässt uns über die Berliner Tageszeitung wissen: “Wer die Selbstironie nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen”. (tagesspiegel.de vom 11.8.09)
Offenbar ist vielen nicht zu helfen: soweit es die Resonanz im politischen Web betrifft, kam die Botschaft und auch der Humor von Vera Lengsfeld nicht an. Allerdings bedanken sich die politischen Satire-Seiten herzlich für die Steilvorlage. Das Plakat wird sicher noch von vielen aufgegriffen werden und so für Wirkung über den Tag hinaus bis zum Ende des Wahlkampfes sorgen. In vielen Analysen, zuletzt zum Deutschland-Plan von Frank-Walter Steinmeier und zum Vodafone-Spot, war zu erfahren, dass es im Web 2.0 gnadenlos ehrlich zugeht. Kommentatoren, Blogger oder Twitterer nehmen kein Blatt vor den Mund und sorgen damit für kräftige und über das Web weit verbreitete Diskussionsimpulse. So nimmt das Publikum aktiver als früher direkten Anteil an Debatten.
Im Falle Lengsfeld ist die Grundstimmung im politischen Web teilweise ungläubig und peinlich berührt, nicht selten verärgert und oft voll beißender Ironie. Man nennt das Plakat “niveaulos”, “peinlich”, “sexistisch”, “sinnfrei” oder “hohl”. Manche Autoren sprechen von “Tittitainment”, einem “Armutszeugnis” oder dem “Ekelwahlkampf in Kreuzberg”. Die äußerst wenigen positiven Beiträge stellen vor allem heraus, dass “endlich Farbe in den sonst so langweiligen Wahlkampf kommt” und das Plakat sympathischer sei als das des Kontrahenten Ströbele.
Aber auch die Reaktionen in den politischen Segmenten des Web2.0 sind aufschlussreich. Dass die Satiriker das Thema dankbar aufgreifen, haben wir schon konstatiert. Dass sich die politischen Gegner mokieren oder entrüstet zeigen, wird nicht verwundern. Bedenklicher für Frau Lengsfeld ist vermutlich, dass in der konservativen, unions-nahen Community weitgehend Funkstille herrscht (Stand 12.8. abends). Fast niemand springt ihr bei und verteidigt sie öffentlich. Die Hypothese liegt nahe, dass sie in den eigenen Reihen mit diesem Plakat nicht gerade an Ansehen gewonnen hat. Dem Wahlkampfteam der Bundespartei dürfte diese offenbar nicht abgesprochene Aktion sogar schwer im Magen liegen.
6. August 2009
Der Startschuss ist gefallen – Der Wahlkampf im politischen Web hat begonnen
Der offizielle Launch des „Deutschland-Plans“ von Frank-Walter Steinmeier am 3. August hat das politische Web auf Trab gebracht. Man merkt deutlich, wie das Aktivitätsniveau anzieht. Der Wahlkampf im politischen Web hat begonnen.
Wir haben vom 01.08.2009 bis zum 05.08.2009 (11.00 Uhr) die Beiträge im politischen Web zum Deutschland-Plan analysiert. Insgesamt 740 Beiträge und Postings entfielen auf dieses Thema. Damit hat es Frank-Walter Steinmeier geschafft, wieder mehr im Gespräch zu sein. Seit längerer Zeit zum ersten Mal liegt er wieder vor Angela Merkel und Ursula von der Leyen, was die Anzahl der Beiträge und Postings betrifft.
Vorläufig reagieren die Blogger noch relativ zurückhaltend, während die professionellen Onlinemedien hochaktiv sind. Einerseits ist das typisch für den Zyklus solcher Themen, andererseits könnte auch die Urlaubszeit eine Rolle spielen. Auch Blogger spannen mal aus und fahren weg. Man wird sehen, wie sich das Thema unter den Bloggern weiter entwickelt.
Die Reaktionen und Meinungen in den verschiedenen Sub-Communities fallensehr unterschiedlich aus. Im Web, in dem üblicherweise mit deutlichen Worten nicht gespart wird, findet sich die gesamte Breite möglicher Reaktionen: von Anerkennung und Lob über Ablehnung bis zu Hohn und Spott.
Die Zahlen für den Share of Voice der Communities im Einzelnen (Beiträge zu Frank-Walter Steinmeier/Deutschland-Plan in Prozent aller Beiträge):
- Professionelle Medienseiten: 63 %
- Nicht parteinahe Institutionen/Organisationen/Verbände etc.: 18 %
- Sozialdemokratische Community: 7 %
- Liberale Community: 3 %
- Linke Community: 3 %
- Satire Community: 3 %
- Konservative Community: 2 %
- Rechte Community: 0,5 %
- Grüne Community: 0,3 %
In den professionellen Medienseiten wird durchaus differenziert, aber auch sehr pointiert berichtet. Immerhin gibt es konkreten Stoff, d.h. Vorschläge und Ziele, an denen man sich abarbeiten kann. Das lässt erwarten, dass die Debatte etwas länger anhält und der Deutschland-Plan bzw. Teile daraus in den nächsten Wochen auch in den Medien immer wieder zur Sprache kommen wird, statt spurenlos aus der Aktualität zu verschwinden. Die Reaktionen sind auch hier vielfältig:
Von „Steinmeiers Sommermärchen“ spricht n-tv.de. Deutschland-Plan als „Leuchtendes Ziel, unklarer Weg“ titelt taz.de. „Lob, Kritik, und die Furcht vor der ‚Planwirtschaft‘: Steinmeiers Deutschland-Plan polarisiert“ schreibt netzeitung.de. „Steinmeiers Plan: Endlich ein Wahlkampf-Thema“ hofft ZEIT ONLINE. „Steinmeier entwirft Vision für Millionen neue Jobs“, meint die Märkische Allgemeine Online.
Schnelle und zahlreiche Reaktionen finden sich in der Community der nicht partei-orientierten Organisationen und Blogger. Auf breiter Front fällt das Urteil negativ aus. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die SPD mit ihrem Plan auf eine mittlerweile weit verbreitete Inkompetenz-Vermutung und Negativ-Wahrnehmung stößt. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen dominieren harte Worte: Man wittert unrealistische Ziele, wohlfeile Wahlkampflügen, verzweifeltes Aufbäumen gegen die Erfolglosigkeit, Hilf- und Planlosigkeit in der Umsetzung. Nur wenige Stimmen raten dazu, das Papier erst mal zu lesen, und dann zu urteilen.
Für die sozialdemokratische Blogosphere ist die Ankündigung des Deutschland-Plans dagegen offenbar Balsam auf die geschundene Seele. Der Auftritt wird nicht nur besonders häufig, sondern auch sehr positiv kommentiert. Man spricht von einer Weichenstellung für die Zukunft Deutschlands (und der SPD). Frank-Walter Steinmeier gilt nun als anpackend, intelligent, zukunftsweisend, solide. Es scheint, als könnte der Plan auf die eigenen Truppen wie gewünscht wirken: Die Auseinandersetzung durchaus zeitgerecht auf wichtige Themen zu fokussieren, aus Sicht der SPD-nahen Community die richtigen Argumente zu liefern und damit wieder Hoffnung und eine kämpferische Grundstimmung zu schaffen. Nicht zu übersehen ist deshalb auch die Erleichterung und die Freude darüber, endlich wieder einmal in der Offensive zu sein.
Stiller dagegen ist es noch bei den politischen Konkurrenten. Entweder will man das Papier erst mal genauer analysieren und verdauen, bevor man zurückschlägt, oder man will es ignorieren.
In den noch wenigen Beiträgen der Konservativen-Blogs werden Steinmeiers Pläne scharf kritisiert, man wirft ihm gar „Großmäuligkeit“ vor. Gefahr sieht man durch das Kompetenz-Team und dessen Pläne nicht aufkommen. Aber es gibt nun auch Stimmen, die vor Übermut warnen und darauf hinweisen, dass die Wahl noch nicht gelaufen sei.
Die liberale Community geht mit Steinmeier und dem Deutschland-Plan noch härter ins Gericht. Das Thema Vollbeschäftigung und das Ziel von 4 Millionen neuen Jobs wird als unseriöses Versprechen tituliert, es sei „völlig unglaubwürdig und blödsinnig“. Frank-Walter Steinmeier wird gar als tragisch-komischer und flügellahmer Superheld verspottet.
Auch in Teilen der linken Community geht man mit den Plänen nicht gerade zimperlich um. Das Kompetenz-Team wird als „letztes Aufgebot“ verhöhnt und Steinmeier als Schröder-Kopie bezeichnet. Die Diskussion um Vollbeschäftigung durch Zweitjobs wird sehr kritisch gesehen. Man spricht gar von „Zwangsarbeitern für den Mittelstand“.
Die anderen Communities konnten aufgrund zu weniger Beiträge qualitativ nicht sinnvoll ausgewertet werden.
Die Reaktionen in diesem kurzen Zeitraum haben zumindest eines gezeigt: Im Web 2.0 wird unverblümt diskutiert. Sehr gut erkennbar wird dabei, wo emotionale Widerstandspunkte und Reaktanzen liegen und welche Rolle ein verfestigtes Image spielen kann. Damit liegen die Reaktionen im politischen Web 2.0 vermutlich nicht weit entfernt von denen im Rest der Bevölkerung.
Frank-Walter Steinmeier stemmt sich nun mit seinem Kompetenz-Team und dem Deutschland-Plan gegen diesen Trend. Einen Kantersieg davongetragen hat er dabei sicher nicht. Nichtsdestotrotz ist die Bilanz nicht völlig verhagelt:
- Er hat es geschafft, Aufmerksamkeit zu binden, auch im politischen Web. Er erscheint als Kanzlerkandidat wieder auf dem Radar der Blogosphäre und der Medien.
- Er kommt in die Offensive und beeinflusst dadurch in dieser Woche die Agenda der politischen Diskussion.
- Er wird mit seinen Vorschlägen diskutiert. Es gelingt ihm dadurch zumindest partiell, von einer reinen Schicksalsdebatte über die unglücklich operierende Verlierer-SPD zurück zu Inhalten zu kommen.
- Er trifft positiv ins Schwarze seiner eigenen Anhänger. Nichts ist dort wichtiger, als Kampfbereitschaft zu wecken, politischen Sinn und Ziele zu vermitteln, die Reihen zu schließen und dadurch wahlkampf- und kampagnenfähig zu werden. Die ersten Reaktionen der sozialdemokratischen Web 2.0-Community können ihn hier hoffen lassen.
Und schließlich birgt auch heftiger politischer und inhaltlicher Gegenwind noch Trost. Denn wer Wahlkämpfe verfolgt, weiß, dass es auch nicht weiterhilft, konturenlos, langweilig und nicht mal diskussionswürdig zu sein: Viel Feind, viel Ehr, kein Feind keine Ehr.





