Na was denn jetzt? Haben wir bald Bundestagswahl oder nicht? Glaubt man einer aktuellen Umfrage des Stern, wissen das viele Bürger nicht so recht. 48% der Befragten wussten auf die Frage “Können Sie mir sagen, wann in diesem Jahr die Bundestagswahl stattfindet?” keine richtige Antwort. Der Befund irritiert 6 Wochen vor der Wahl umso mehr, als nicht einmal nach dem exakten Datum gefragt wurde, sondern auch ungefähre Angaben wie „Ende September“ als „richtig“ gezählt hätten.
So richtig Stimmung kommt anscheinend irgendwie nicht auf. Wir wollten deshalb wissen, ob es wenigstens im politischen Web nach Wahlkapmfpulver riecht. Schließlich hatten wir noch vor zwei Wochen an dieser Stelle mit einem gewissen Aufatmen – demokratisches Engagement ist schließlich Bürgerpflicht – berichtet, dass der Wahlkampf im politischen Web begonnen habe. Anlass war die Vorstellung des Deutschland-Plans von Frank-Walter Steinmeier, die zu allerhand Resonanz führte.
Die aktuelle Auswertung von linkfluence Deutschland/Q Agentur für Forschung mit www.wahlradar.de zeigt, dass die Bundestagswahl und der Wahlkampf zwar Thema im politischen Web sind, die Beiträge aber häufig von einer Mischung aus Langeweile, Frust und Unlust geprägt sind.
Die oberflächlichen, „nackten“ Zahlen der Gesamtresonanz lassen zunächst das Gegenteil vermuten: Zwischen dem 15.8. und dem 19.08.2009 (11.00 Uhr) fanden sich im politischen Web über 1100 Postings zu Bundestagswahl und Wahlkampf. Der Blick auf die Details wirkt dann allerdings doch sehr ernüchternd. Es kristallisieren sich nämlich 6 dominierende Themen-Cluster heraus, die im Moment das politische Web bewegen:
* Langeweile im Wahlkampf
* Der Kampf der „Giganten“ gegeneinander: SPD versus CDU, oder besser gesagt: Münte versus Merkel und zu Guttenberg
* Das angebliche industriepolitische Gesamtkonzept von Minister zu Guttenbergs sowie das „Durchsickern“ desselben
* Berichte über Wahlkampfauftritte und Aussagen von und über einzelne Politiker
* „Spaßthemen“, z.B. Wahlplakat-Aufreger á la Vera Lengsfeld oder die „Kampagne“ von Horst Schlämmer
* Sowie die anstehenden Landtagswahlen.
Von großen politischen oder gar bundespolitischen (um angemessen präzise zu sein) Themen, Konfliktlinien, Konzepten, Lösungen, gar richtungsweisenden und richtungsentscheidenden Auseinandersetzungen fehlt jede Spur. Es ist geradezu auffällig, wir oft man sich aus einer Art distanzierter Vogelperspektive über Wahl und Wahlkampf äußert: ohne sich wirklich zu engagieren, Partei zu ergreifen, inhaltlich und politisch vertieft zu diskutieren. Es geht eher um das Wie als um das Was. Sachthemen oder politische Kernthemen kommen kaum vor.
Stattdessen haben teils abseitige Nebenthemen Konjunktur. Regionale Possen werden zum bundesweiten Thema (siehe unseren Beitrag aus der letzten Woche: Welthits im Wahlkampf), Stilfragen verursachen Stürme im Wasserglas, Satireaktionen wie die Horst-Schlämmer-Partei amüsieren das Publikum.
Die Online-Medien leisten dazu ihren Beitrag und pushen die Themen. Was sollen sie auch machen, wenn die inhaltliche Auseinandersetzung ausfällt? Es ist vom Kuschel- oder Null-Wahlkampf zu lesen oder schlicht und ergreifend vom langweiligsten Wahlkampf der Geschichte der Bundesrepublik. Dieser „Watte-Wahlkampf“ ist ganz sicher nicht nach ihrem Geschmack und so müssen sie die Brosamen auflesen, die vom spärlich gefüllten politischen Tisch fallen. Ihre Titel und Kommentare spiegeln die Situation wider:
* „Sechs Wochen noch…: Merkel und der entpolitisierte Watte-Wahlkampf“ (WELT ONLINE)
* „SPD: Wahlkampf: Merkel, Münte und der kalkulierte Krawall“ (sueddeutsche.de)
* „Analyse: Wahlkampf ohne Fragen - Dass ein Wahlkampf weder von den Parteien genutzt wird, um sich neu zu profilieren, noch von den Bürgern in Anspruch genommen wird, die bisher vereinten Regierungspartner getrennt zur Rede zu stellen, ist in der Geschichte der Bundesrepublik ziemlich neu. Die von der Politik verabreichte Krisenmedizin wirkt.“ (FAZ.NET)
Es ist kaum zu übersehen, dass die große Koalition die Konturen zwischen den politischen „Marktführern“ für das Publikum bis zur Unkenntlichkeit verwischt hat. Der Wahlkampf zeigt aber nun, dass es sogar den Koalitionspartnern große Mühe macht, sie wieder scharf zu zeichnen. Die Frage muss erlaubt sein, ob ihnen nur die Worte fehlen, ob alles nur ein Marketingdesaster ist, oder ob das Problem nicht vielleicht doch tiefer liegt: Nämlich in dem, was diese großen Marken politisch zu bieten haben.
Die Folgen werden wir ab dem 27. September besichtigen können. Bis dahin bleibt angesichts einer miserablen Mobilisierung durch einen langweiligen Wahlkampf alles offen. Nur eines scheint sicher: Es wird so manche böse Überraschung geben. Der Blick in die politischen Communities lässt es erahnen:
Von den über 1100 Beiträgen zwischen dem 15.8. 2009 und dem 19.8. vormittags entfallen 51% auf die professionellen Medienseiten, ein durchaus moderater Anteil im Vergleich zu anderen Themen. Wirklich erstaunlich sind aber die Anteile der anderen Sub-Communities:
* Nicht parteinahe Institutionen/Organisationen/Verbände etc.: 26 %
* Linke Community: 5 %
* Sozialdemokratische Community: 4 %
* Satire Community: 4 %
* Liberale Community: 3 %
* Rechte Community: 3 %
* Konservative Community: 2 %
* Grüne Community: 1 %
Spätestens jetzt sollten bei den Wahlkämpfern in den Parteizentralen wohl die Alarmsirenen schrillen. Denn die parteinah engagierten Webaktiven machen in Passiv statt Aktiv. Ihre Anteile an den Postings liegen durchweg deutlich unter ihren Anteilen an den Sites im politischen Web. Dagegen liegt der Anteil bei den nicht Parteinahen deutlich darüber. Und gerade hier wird der öde Wahlkampf lautstark beklagt. Ohne Zweifel lässt sich das als Indikator für ein gravierendes Mobilisierungsdefizit deuten. Es betrifft aber wohl nicht nur die Sozialdemokraten, für die man es nach den Berichten der letzten Monate nicht mehr anders erwarten würde. Auch die Konservativen bleiben weit unter ihren Möglichkeiten, die Debatten und damit die Meinungsbildung zu beeinflussen.
Was sich hier im politischen Web zeigt, dürfte in der weniger webaffinen Bevölkerung kaum anders aussehen. Die Berichte aus Bevölkerungsumfragen lassen das jedenfalls vermuten. Das politische Web erweist sich damit wieder einmal als ein schnell analysierbarer, sehr aufschlussreicher Indikator für den Stand der öffentlichen Debatte.






