27. August 2009

Das Phänomen zu Guttenberg – Fixstern der Medien und neuer Sonnenkönig der Christdemokraten?
nicht bewertet — linkfluence_de @ 13 h 17 min

Karl-Theodor zu Guttenberg ist ohne Zweifel der politische Aufsteiger des Jahres. Gut angezogen, eloquent, mit sachlicher Attitüde und positiver Ausstrahlung erzielt er außergewöhnliche Popularitätswerte in der Bevölkerung und ist folgerichtig auch Liebling der Medien. Aber spielt er auch im Web eine besondere Rolle und vor allem: Wie wird er dort diskutiert und kommentiert?  Die Forscher von Q | Agentur für Forschung und linkfluence Deutschland haben sich die Frage vorgenommen und die Resonanz auf zu Guttenberg vom 1. Juli 2009 bis zum 24. August 2009 im politischen Web analysiert. Grundlage sind ca. 1600 Artikel und Postings, in denen zu Guttenberg Thema war.
Zu Guttenberg spielt auch im politischen Web eine besondere Rolle. Das macht ein Blick auf die Präsenz einiger wichtiger Politiker schnell deutlich. Medial etwa ist seine Präsenz fast mit der des SPD-Spitzenkandidaten Steinmeier vergleichbar, allerdings mit sehr unterschiedlichen Schwerpun-kten in Blogs bzw. professionellen Online-Medien.

Einige Spitzenpolitiker im Netz – ein quantitativer Vergleich

Die Zahlen beziehen sich auf Posts und Beiträge, in denen die jeweiligen Politiker in den letzten 2 Monaten genannt oder zitiert wurden:
Beiträge gesamt (politische Blogs und professionelle Online-Medien): 10.880
Davon in polit. Blogs/social Media: 61%
Professionelle Online-Medien: 39%

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Die Übersicht zeigt das große Gefälle in der Präsenz einiger wichtiger Politiker und damit die Sogwirkung der öffentlich dominierenden Personen. Das muss sich nicht unbedingt proportional in Wählerstimmen niederschlagen, bedeutet aber doch einen Platzvorteil in der öffentlichen Debatte. Wenig überrascht dabei, dass Angela Merkel bei Bloggern wie in den Online-Medien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Nichts anderes erwartet man von der Kanzlerin. Erstaunlich ist dagegen, dass Frank-Walter Steinmeier zwar in den Blogs Thema ist, aber bei den Online-Medien eine relativ geringe Rolle spielt. Über die Ursachen kann man nur spekulieren, aber offensichtlich läuft seine Medienstrategie im Netzt seit Wochen ohne die gewünschte Durchschlagskraft.
Im Vergleich dazu findet zu Guttenberg auch im Netz beträchtliche Resonanz - in Blogs und sozialen Netzwerken, stärker aber noch in den klassischen Online-Medien. Für die Union ist dies zunächst ein großer Pluspunkt. Zwei richtige Asse im Ärmel (Merkel und zu Guttenberg) sichern den medialen Hebel, den die Kampagne in der Schlussphase braucht und hilft, beim Agenda-Setting die Nase vorn zu haben.
Allein, Bekanntheit und Aufmerksamkeit sind nicht alles. Das gilt im Marketing wie in der Politik. Es lohnt daher der Blick auf Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit der „Marke“ zu Guttenberg. Die Analyse zeigt, dass die politischen Communities sehr unterschiedlich reagieren.
Besonders viel Resonanz erzielt zu Guttenberg bei den professionellen Online-Medien. Ohne Zweifel ist er für sie eine Steilvorlage. Kein Wunder, denn in einer personell abgegrasten, ausgesprochen trocken und langweilig wirkenden politischen Landschaft sorgt er zumindest für Abwechslung und punktet damit gegen die Riegen eher farbloser und unspannender Politiker. Ursache ist nicht zuletzt seine polarisierende Wirkung als Adliger, Senkrechtstarter und ausweislich der Umfragen populärer Spitzenmann. Gerade weil er diese Position ohne nachgewiesenen politischen Erfolg einnimmt, wird er aber durchaus kontrovers diskutiert, ruft Widerstände, Missgunst und skeptische Kritik hervor.
Topthemen, mit denen er in Zusammenhang  gebracht wird, sind Opel, das Gesetz-Outsourcing bei Linklaters und das vermeintliche Industriekonzept. Hinzu kommt eine Vielzahl von Nebenthemen: Kritik an den Regeln für Banker-Boni, der CSU-Minister auf CDU- Plakaten, seine Kritik an Steinmeiers Deutschland-Plan, Widerstand gegen den Gesetzentwurf von Frau von der Leyen, die Hakeleien mit Seehofer oder seine Beliebtheit in Umfragen. Immer aber bietet das Material Reibungsflächen und damit Futter für erhitzte Gemüter. Das  macht ihn interessant, ohne dass er als politischer Wadenbeißer abgetan werden kann.

Auch in der Community der politisch eher neutralen Blogs und Sites widmet man ihm große Aufmerksamkeit. Die Resonanz ist für die ansonsten sehr kritische Community durchaus günstig. Viele Artikel und Kommentare setzen sich differenziert mit ihm auseinander, greifen die aktuellen Themen auf, kritisieren und loben. Unverkennbar: Auf der einen Seite fasziniert die Person, man begegnet ihr mit Respekt. Auf der anderen Seite spürt man beträchtliche Zurückhaltung. Schließlich ist er ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt und deshalb schwer einzuschätzen. Wie Lewis Hamilton schoss er an die Spitze, so eine Metapher, aber ob er ein Michael Schumacher werden kann, ist noch ungewiss.

Deutlich geringer dagegen fällt der Anteil der Beiträge aus, die aus den parteinäheren Communities kommen. Allerdings wird hier die polarisierende Wirkung des Wirtschaftsministers deutlicher.
•    Die konservative Community verhält sich überraschend ruhig und posted erstaunlich wenig. cht grundlos ist von daher der Eindruck mancher Beobachter, dass der neue Star am politischen Himmel stärker über die Union hinaus statt in sie hinein wirkt. Grundsätzlich schreibt man über ihn natürlich positiv. Allerdings machen sich vor allem bei konservativen Querdenkern auch kognitive Dissonanzen breit. Ist er mehr als ein populäres Strohfeuer? Zeichnet er das richtige Bild von der Unionspolitik? Oder wirkt er als eine abschreckende Vorlage für schwarz-gelbe Koalitionsalbträume?
•    In der sozialdemokratischen Community hält man sich noch erstaunlich zurück. Wo man sich mit ihm auseinandersetzt, dominieren offene Abneigung gegen den allzu glatt wirkenden Newcomer, Schadenfreude über Stolpersteine wie das industriepolitische Papier oder die Causa Linklaters sowie die hämisch kommentierte Tatsache, dass zu Guttenberg den arrivierten Politikern in der CDU/CSU und vor allem seinem Mentor Seehofer die Show stiehlt.
•    In der liberalen Community ist der Wirtschaftsminister derzeit noch erkennbar ein politischer Gegner. Allerdings: Der Mann fasziniert auch. Er stellt einen Politikertypus dar, wie man ihn seit langem vermisst: „Elegant, charmant, (relativ) jung und womöglich sogar standhaft“. Die Sehnsucht nach einem solchen Typus für die FDP ist unverkennbar. Mal irritiert, mal süffisant stellt man aber auch fest, dass die CDU nun anscheinend schon CSU-Politiker jenseits des Weißwurstäquators plakatieren muss: Fehlen der CDU etwa die überzeugenden Köpfe, die neben der Kanzlerin punkten und überzeugen können?
•    In der grünenfreundlichen Community ist zu Guttenberg kein wichtiges Thema.  Man geht mit ihm kritisch, aber moderater und weniger auf die Person zielend um als etwa die linke Community. Politisch aber wird er als negativer Vorbote einer industriefreundlichen schwarz-gelben Koalitionspolitik gewertet. Aussagen zu erneuerbaren Energien als Schwerpunkt des Wirtschaftsministeriums sorgen für Heiterkeit oder ungläubiges Kopfschütteln. Glaubwürdig wirkt das nicht. Typisch findet man eher die Haltung zur Atomenergie.
•    Am negativsten reagiert die linke Community. Hier liegen die Verhältnisse einfach: Der adlige Minister ist (fast schon qua Geburt) Feindbild und Ausgeburt des bösen Neoliberalismus. Man wirft ihm soziale Kälte vor, rechnet mit Angriffen auf die bestehenden Mindestlöhne und erwartet die Auslieferung der Politik an die mächtigen Lobbys der Wirtschaft. Zumindest hier also wirken weder seine ausgesuchten Manieren, noch seine Eloquenz.
Ohne Zweifel hat es der Wirtschaftsminister in kurzer Zeit zu ungewöhnlichem politischen Markenstatus gebracht. Er spielt dadurch eine bedeutende Rolle in der politischen Auseinandersetzung, auch im politischen Web.  Stärker als außerhalb des Netzes fällt allerdings die sehr differenzierte Wahrnehmung des Politikers auf. Er wird ernst genommen, man lobt die wohltuend andere Art und damit den Kontrast zum allzu bekannten politischen Personal. Darüber wird aber nicht vergessen, sich auch kritisch mit Inhalten auseinanderzusetzen. Der Trubel um die Person kann das große inhaltliche Manko der Union nicht wettmachen. Zudem ist eine gehörige Portion Skepsis in Blogs und Medien erkennbar: Völlig offen scheint vielen, ob dieser neue politische Popstar nur als bald wieder verglühender Komet den Wahlkampf ausleuchtet, oder ob er dauerhaft und erfolgreich die politisch-personelle Ausstattung der Republik aufwerten kann.
Bleibt die Frage, ob zu Guttenberg das Blatt für die Union entscheidend beeinflussen kann. Bis zum 27. September sind es noch gute 4 Wochen.  Selbst für diesen kurzen Zeitraum muss sich erst noch zeigen, ob der neue Star mehr als nur Aufmerksamkeitswirkung hat. Die Geschichte fordert eher die zurückhaltende Prognose. Die Deutschen waren in den letzten Jahrzehnten kein Volk für vordergründige Wahlentscheidungen. Am Schluss muss also Butter bei die Fische. Ob zu Guttenberg dann mehr als ein populäres Add-On ist, wird sich erst noch zeigen müssen.

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