17. September 2009

Butter bei die Fische – Welche Rolle spielen eigentlich die Kandidaten auf der Menükarte des politischen Web?
nicht bewertet — linkfluence_de @ 15 h 29 min

Wer eine heiße Schlacht erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die letzten Tage nach dem Kanzlerduell waren denn auch voll von Kritik über das Format, über die Leistung der Journalisten, aber auch über das eher lahme und langweilige Duett der Spitzenkandidaten, dass ein aufschlussreiches und explosives Duell verhinderte. Während sich viele Zuschauer enttäuscht oder verärgert abwandten, zogen die Parteien ihre Siegerrhetorik durch. Jede Partei kürt natürlich ihren Kandidaten zum Sieger.

Die Forscher von Q I Agentur für Forschung und linkfluence Deutschland haben  einen Blick ins Web geworfen, um anhand des Share of Voice der Kandidaten in den Tagen nach der Wahl einen ersten Eindruck zu gewinnen. Hier einige nüchterne Fakten zu den Folgen der Duelle:

Share of Voice – Debattenanteil

Fakt 1 – Merkel und Steinmeier legen nach dem Kanzlerduell enorm zu.
Die quantitative Messung der Beiträge und Posts im Web 2.0 zeigt, dass der share of voice der beiden Kanzlerkandidaten nach dem Kanzlerduell stark ansteigt. Gemessen werden bei dieser Betrachtung die Anzahl der Posts und Beiträge in denen die Kandidaten erwähnt werden. Mit Blick auf den Aufmerksamkeitsgewinn durch ein solches Duell haben demnach ganz eindeutig die Top-Kandidaten den Abstand zu den Kandidaten der kleineren Parteien deutlich vergrößert.

Fakt 2 – Merkel mit Kanzlerbonus in Sachen Aufmerksamkeit.
Betrachtet man die letzten zwei Wochen, lässt sich erkennen (siehe Verlaufskurve Grafik 1), dass Kanzlerin Merkel bei den Nennungen meist vorne liegt. Summiert man die Nennungen aller 5 untersuchten Kandidaten, entfallen alleine auf sie 50%, während Frank-Walter Steinmeier nur auf knapp 33% kommt (siehe Tortengrafik). Mit dem Kanzlerduell allerdings wird dieser Vorsprung knapper. Hat Steinmeier im Duell Boden gut gemacht?

Fakt 3 – Im Vergleich der Kandidaten vorne weg, aber im politischen Web nur unter ferner liefen. Auch wenn sie damit wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen, so sind die Kanzlerkandidaten im Web doch nur eines von vielen Themen. Insgesamt überschreiten die Kanzlerin und ihr Herausforderer nur knapp die 3-Prozent-Marke aller Beiträge im politischen Web.

Fakt 4 – Lafontaine, Trittin und Westerwelle eher unter ferner liefen.
Noch ernüchternder fällt die Share of Voice-Bilanz der drei untersuchten Oppositionskandidaten aus. Zwar zieht auch ihr Share of Voice nach den Duellen an, aber deutlich weniger als der von Steinmeier und Merkel. In den Diskussionen des politischen Webs ist ihre Rolle mit Nennungen unter einem Prozent aller Postings noch bescheidener.

share-of-voice-kandidaten

Grafik 1: Share of Voice von Spitzenkandidaten der Parteien seit 31. August 2009.

Natürlich muss man den Share of Voice immer mit Vorsicht genießen. Schließlich macht er weder eine Aussage über den Tenor der jeweiligen Nennungen, noch über die inhaltliche Rolle, die die Kandidaten in diesen Postings spielen. Aber allein diese Analyse der relativen Bedeutung der Spitzenkandidaten im politischen Web zu Wahlkampfzeiten zeigt sehr deutlich und ernüchternd, welche “Welle” die Kandidaten machen: Eine kleine. Weder also werden die Webpräsenzen der Parteien und ihrer Anhänger der Rolle gerecht, die ein Internetwahlkampf von ihnen fordert, nämlich aktive Beteiligung an den Debatten im Web, noch machen die Spitzenkandidaten großen Eindruck auf die politische Webgemeinde.

Jeder Vergleich mit Obama (oder auch McCain) verbietet sich demnach. Von Obama lernen, heißt siegen lernen – zumindest, wenn die Web 2.0 Strategien umgesetzt worden wären. Obama hat heute, ohne Wahlkampf und 10 Monate nach der Wahl regelmäßig einen mehr als doppelt so hohen Share of Voice (vgl. Grafik 2 oder das US-Äquivalent zu Wahlradar http://politicosphere.net ). 2008 war die Rolle der Spitzenkandidaten in den USA eben ungleich dominanter, anregender, mobilisierender und polarisierender.

usa-grafik

Grafik 2: Share of Voice von US-Politikern im September 2009.

14. September 2009

97% meinen: Es gibt keinen klaren Sieger
nicht bewertet — linkfluence_de @ 10 h 52 min

Symptomatisch für den Wahlkampf – das Kanzlerduell

Die Fakten:
Am 13.9. und 14.9. (bis 8.00) wurde die politische Blogosphäre im Bezug auf das „Kanzler-Duell“ untersucht und analysiert.
Die Ergebnisse kann man als symptomatisch für den gesamten Wahlkampf bezeichnen. Alle politischen Communities bis auf die konservative und die sozialdemokratische Community sind sich einig: Das Duell war kein Duell, sondern eine lahme Veranstaltung.
Nicht nur die Kandidaten, sondern auch das Format, sowie die Moderatoren werden in fast allen Beiträgen kritisiert.
Der Debattenanteil in den verschiedenen Communities:
Professionelle Onlinemedien: 72,3%
Öffentlicher Diskurs: 7,3%
Sozialdemokratische Community: 7,8%
Konservative Community: 4,9%
Satire: 2,6%
Liberale Community: 2,3%
Linke Community: 1,5%
Grüne Community: 0,7%
Rechte Community: 0,3

Die Bewertung der professionellen Onlinemedien fällt ebenso ernüchternd und enttäuscht aus, wie in der polit. Blogosphäre. 97% der Kommentare und Berichte über das Kanzlerduell sind sich einig: Es gibt keinen klaren Sieger. 3% sehen leichte Vorteile für Frank-Walter Steinmeier.
Die sozialdemokratische Community sieht Frank-Walter Steinmeier als klaren Gewinner. Sein Auftritt wird als überzeugend, glaubwürdig, souverän und offensiv bezeichnet. Die sozialdemokratische Community sieht diesen Auftritt als weiteres Signal des Aufbruches für die letzen Wochen vor der Bundestagswahl.
Wie nicht anders zu erwarten, sieht die konservative Community das etwas anders. Für sie liegt Angela Merkel klar vor ihrem Herausforderer. Ihr Auftritt wird als staatsmännisch, sachlich und souverän beschrieben. Doch, gibt es in der konservativen Community ebenfalls Stimmen, dass eher die kleinen Parteien vom Kanzlerduell profitiert haben.

Das Fazit fällt demnach nüchtern aus: So richtig schlauer scheint niemand nach diesem Duell geworden zu sein. Ein relativ geringer Anteil von 9% der gesamten Beiträge zum Kanzlerduell hätte sich ein erweitertes Duell mit den Spitzenkandidaten der FDP, der Grünen und der Linken gewünscht, vor allem, weil man sich dadurch mehr Duell, weniger Duett erwartet hätte.

11. September 2009

Wahlradar auf N24
nicht bewertet — linkfluence_de @ 11 h 44 min

Zwei weitere Analysen mit dem linkfluence-System waren am Donnerstag und Freitag im N24 Frühreport on Air.

Im Mediacenter von N24 findet man die Clips unter:

Bundeswehreinsatz in Afghanistan polarisiert

Schwarz-Gelb Vorsprung schwindet

Das linkscape-Portal von linkfluence bietet zahlreiche Analyse- und Visualisierungsmöglichkeiten für Marktforschung, Marketing-Beratung, PR, Digital Camapining, Issue-Management, etc.

Zu diesen Themen können Sie das Wahlradar-Team gerne kontaktieren.

Q I Agentur für Forschung  / linkfluence Deutschland- www.teamq.de oder http://linkfluence.net/

Publicis Consultants I Deutschland - www.publicis-consultants.de

10. September 2009

Die Piratenpartei: Politisches Schnellboot oder politischer Holzkahn mit baldigem Verfallsdatum?
nicht bewertet — linkfluence_de @ 11 h 27 min

Immer wieder erlebt die deutsche Politik das Auftauchen ganz neuer und meist frecher Kräfte, die bei Wahlen versuchen, sich zwischen die angestammten Plätze der etablierten Parteien an den Tisch der Politik zu drängeln. Die erfolgreichsten und beständigsten waren die in den 80er Jahren aufgestiegenen Grünen. Heute gehören sie zu den etablierten Parteien. Andere Versuche waren nicht von so dauerhafter Natur, wenn man die Linke als anders gelagerten Fall einmal außen vor lässt.
Die jüngste, einiges Aufsehen erregende Bewegung dieser Art ist die Piratenpartei. Sie sind die erste parteipolitische Organisation, die aus den Tiefen des Web 2.0 in die politische Arena tritt. Zur Überraschung aller erzielte sie bei minimalem zeitlichen Vorlauf und aus dem organisatorischen und finanziellen Stand ein beachtliches Ergebnis von 0,9 Prozent bei den Europawahlen (7,1% in Schweden). Nun tritt sie zur Bundestagswahl an und so mancher stellt sich die Frage, ob hier eine Überraschung heranwächst. Gelänge ihr das, hätte das Web 2.0 trotz seines zarten Alters erneut seine Leistungsfähigkeit als gesellschaftlicher Trendreaktor unter Beweis gestellt. Für die Piratenpartei entscheidet sich hingegen am 27.9., ob sie zum respektablen Underdog, zum entscheidenden Zünglein an der Waage oder sogar zum Königsmacher wird. Gelingt es ihr nicht, könnte sie hingegen schnell als bloße Randnotiz zur kurzlebigen Legende verfallen.
Die Forscher von Linkfluence und Q | Agentur für Forschung sind deshalb für das aktuelle Wahlbarometer der Frage nachgegangen, wie in der Brutstätte der Partei, dem Web 2.0 über die Aussichten und die Lage der Partei diskutiert wird. Dafür wurden die Beiträge zur Piratenpartei von Anfang Juni bis zum 9.September 2009 im politischen Web beobachtet und qualitativ und quantitativ analysiert.*

piratenpartei-grafik

Der sogenannte share of voice, das Rauschen im Internet der Piratenpartei ist beträchtlich, wenn man bedenkt wie jung diese Partei ist und welches Budget sie zur Verfügung hat. Mit 3,9% in den letzen 2 Wochen setzen die Piraten damit ein deutliches Ausrufezeichen. Von dem Traffic auf Twitter, den wir hier nicht berücksichtigt haben, ganz zu Schweigen. Die Piratenpartei ist im Web 2.0 eine echte Konkurrenz für die etablierten Parteien, was das Thema Aufmerksamkeit anbelangt.

Analysiert man die Beiträge, in denen die Piratenpartei ein Thema ist bzw. vorkommt, nach ihrer Verbreitung in den einzelnen politischen Communities, schält sich ein interessantes Ergebnis heraus:
Polit. Neutrale/Öffentlicher Diskurs: 49,5%
Professionelle Online-Medien: 27,6%
Linke Community: 8,8%
Satire Seiten: 4,5%
Sozialdemokratische Community: 2,8%
Liberale Community: 2,7%
Grüne Community: 1,9%
Rechte Community: 1,2%
Konservative Community: 0,8%

Bemerkenswert sind an dieser Verteilung vor allem 2 Werte.
•    Mit Abstand am häufigsten ist die Piratenpartei Thema im öffentlichen Diskurs der parteiunabhängigen politischen Blogs und Seiten. Hier beschäftigt man sich intensiv mit ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer politischen Ausrichtung und vor allem ihren Top-Themen Bürgerrechte und Zensur.
Das Thema Piratenpartei ist damit eines der wenigen Themen der letzten Wochen, in dem nicht die professionellen Medienseiten die meisten Beiträge/Posts im politischen Web  verursachen. Der Befund lässt erkennen, dass die Piratenpartei noch immer in besonderem Maße ein Thema des Webs ist. Dort, in der politischen Blogosphäre, ist die Partei gut vernetzt und profitiert davon, dass gerade eines ihrer Themen, die „Internetzensur“ (Stichwort „Zensursula“), in der Bloggergemeinde – über alle politischen Grenzen hinweg – ein wichtiges Thema ist.
•    Zum anderen fällt auf, dass sich die linke Community weit aktiver mit der Partei auseinandersetzt als andere parteinahe Communities. Ihr Share of Voice am Thema liegt zumindest in der Nähe ihres Anteils an den Webpräsenzen. Zum wiederholten Male zeigt sich damit, wie wenig die etablierten Parteien den Debatten im Internet folgen können und wie schwach ihre themenspezifische Präsenz trotz ihres beachtlichen Anteils an den Webpräsenzen ausfällt. Anders gesagt: Man hat zwar Möglichkeiten, macht aber nichts daraus.

In der konservativen Community beachtet man die Piratenpartei am wenigsten. In der grünen Community fand vor allem der Wechsel des früheren Abgeordneten und Gründungsmitglied der Grünen, Herbert Rusche, Beachtung. In der sozialdemokratischen Community nimmt man die Erfolge wahr, erkennt sie auch an, weist aber darauf hin, dass immer noch in der „richtigen“ Welt gewählt wird.
Die schiere Präsenz aber ist nicht alles. Wichtig ist auch, wie über sie diskutiert wird. Denn angesichts eher knapper Kampagnenkassen ist die im Web veröffentlichte Meinung und ihre meinungsprägende Qualität und Geschwindigkeit entscheidend für die Erfolgschancen dieser Partei.
Die Piratenpartei findet einerseits viel Anerkennung wegen ihres schnellen Erfolges. Angesichts ihres Abschneidens bei der Europawahl, dem „Entern“ einiger Stadträte, den hohen Zuwachsraten an Parteimitgliedern oder den exzellenten Umfagewerten bei XING und studiVz wird im politischen Web spekuliert, ob die Piratenpartei so etwas wie die Grünen in den 80er Jahren werden könnten. Man zeigt Respekt, denn hier kann anscheinend wirklich etwas bewegt werden. Andererseits stellt sich manchen auch die Frage, wie weit diese erste Glückssträhne reicht.
Allerdings gibt es angesichts einiger aktueller Vorfälle und so manchen wahrgenommenen inhaltlichen Ungereimtheiten auch viel kritischen Diskussionsstoff. Beispiel ist etwa die „Personalpolitik“ der Piraten. Die Aufnahme des inzwischen wegen Besitzes kinderpornografischer Bilder angeklagten (aber bisher nicht verurteilten) Bundestagsabgeordneten Jörg Tauss war vor allem Ende Juni und aktuell – durch die Aufhebung seiner Immunität – ein wichtiges Thema. Allein 18% der Beiträge über die Piratenpartei in professionellen Online-Medien drehen sich um die Person Tauss. Sicher ist das eine eher zwiespältige Ernte. Eine weitere Personalie, die sich negativ auf das Image der Piratenpartei ausgewirkt hat, ist der rechter Tendenzen verdächtigte Bodo Thiesen.
In allen politischen Communities findet man zudem kontroverse Debatten darüber, dass die Piratenpartei eine „Ein-Themen-Partei“ und ein „Männerbund“ sei (Gender Trouble). Hintergrund ist sicher auch, dass selbst viele Blogger die Piratenpartei noch nicht richtig einordnen können. Während man einerseits festhält, dass sie nicht in das gewohnte Spektrum passe, spekuliert man andererseits, in welches Spektrum sie dann passt. Gerade wer Wahloptionen kritisch diskutiert, verlangt nach einer nachvollziehbaren und konsistenten Positionsbestimmung. Die Unsicherheit in dieser Sache führt zu höchst unterschiedlichen Einschätzungen: Von „Fertig zum Abwracken“ über die Frage „Was machen denn die Piraten genau?“ bis hin zu die Piraten sind die „Grünen 2.0“.

Der Debattenstand im politischen Web zeigt, dass die Piratenpartei ihren Platz noch nicht gefunden hat. Sie liegen quer zum gewohnten politischen Universum, was ihnen bei den einen zum Vorteil, bei anderen zum Nachteil gereicht. Das macht die Piraten einerseits interessant und attraktiv, aber auch unberechenbar.
Währenddessen naht die Bundestagswahl. Die Inhaltsanalyse zeigt, dass die Piraten-Unterstützer, Fürsprecher und Sympathisanten eher in der grünen, linken und politisch-neutralen Community zu finden sind. Das macht ihre Existenz umso brisanter. Angesichts vielleicht sehr knapper Verhältnisse könnten selbst 2 Prozent für die Piratenpartei am 27.9. einer schwarz-gelben Koalition die nötige Mehrheit verschaffen, indem sie den anderen Stimmen wegnimmt.
Zu viel der Spekulation? Immerhin: Das Ergebnis der Bundestagswahl scheint von Woche zu Woche offener zu werden. Bereits die Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und dem Saarland (siehe Wahlbarometer Landtagswahl-Nachlese von letzter Woche) machten das deutlich. Neue Umfragen bestätigen diesen Trend zur Offenheit der Wahlsituation. Auf jeden Fall wird taktisches Wählen höchst schwierig und unübersichtlich. Aber am Abend des Wahlsonntags haben die Spekulationen ein Ende. Dann ist – um in der Sprache der Piraten zu bleiben – klar: Entern oder Kentern?!

*Die deutsche Web-Präsenz der Piratenpartei und ihr Einfluss (Linkfluence) im Web ist noch so frisch, dass sie noch nicht auf der Wahlradar-Karte des politischen Webs erfasst und verortet ist. Da diese Karten regelmäßig (etwa vierteljährlich) aktualisiert werden, wird sie erst beim nächsten Karten-Release auf der Karte erscheinen.

8. September 2009

Wahlradar und linkfluence bei N24
nicht bewertet — linkfluence_de @ 12 h 17 min

Heute Morgen war es so weit: Der N24 Moderator Benjamin Nickel präsentierte Ergebnisse zum aktuellen “Kunduz-Vorfall” und die Diskussion im politischen Web. Das linscape-Portal für Analysen im Web 2.0 wurde während des N24 Formats “Frühreport” genutzt. Mehr auf www.n24.de

4. September 2009

Das bloggt: Merkel auch im Internet deutlich vorne
nicht bewertet — publicisconsultants_de @ 12 h 03 min

Bundeskanzlerin Angela Merkel liegt bei den Erwähnungen in der politischen Blogosphäre klar vor ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier. Das geht aus der August-Analyse von Wahlradar hervor.

Demnach entfallen 34,0 Prozent der Nennungen in politischen Blogs auf die Kanzlerin der Union. Frank-Walter Steinmeier bringt es auf 21,3 Prozent, gefolgt von CSU-Shooting-Star Karl-Theodor zu Guttenberg mit 9,3 Prozent. Noch deutlicher fällt das Ergebnis bei den klassischen Online-Medien aus. Hier führt Merkel mit 51,2 Prozent vor zu Guttenberg (17,5 Prozent) und dem Kanzlerkandidaten der SPD mit 9,2 Prozent.

3. September 2009

Nachlese Landtagswahlen: Wo bitte geht’s zur politischen Zukunft?
nicht bewertet — linkfluence_de @ 12 h 30 min

Die Ergebnisse der Landtagswahlen im Saarland, in Thüringen und Sachsen, sowie der Kommunalwahlen in NRW nehmen in dieser Woche breiten Raum im politischen Web ein. Im Vorfeld vollmundig als Super-Wahlsonntag angekündigt, hatte man sich von ihnen in vielen Blogs und professionellen Online-Medien eine richtungsweisende Vorentscheidung, einen Gradmesser für die Bundestagswahl oder zumindest die Initialzündung für eine temperamentvollere Auseinandersetzung erwartet. Die aktuelle Auswertung von rund 3.000 Websites und Blogs, die sich mit politischen Themen befassen, zeigt jedoch, dass in den Tagen danach vor allem Ratlosigkeit, Verunsicherung und Sprachlosigkeit dominieren. Denn das Ergebnis lässt darauf schließen, dass der Ausgang der Bundestagswahl völlig offen ist. Die politische Langeweile, die das Land seit längerem erfasst hat und nun von einem beispiellos bedeutungslosen Wahlkampf garniert wird, strebt zielstrebig auf eine Wahl zu, die die politischen Karten in Deutschland neu mischen könnte. Nicht weil ein großer Richtungswechsel anstünde, sondern weil weniger denn je erkennbar ist, was sie als Folgen zeitigen wird.
Im politischen Web gibt es nach den Landtagswahlen nur zwei Aspekte, die über alle Communities hinweg gleich oder zumindest ähnlich beurteilt werden: Die Linke ist Wahlgewinner. Gleichzeitig ist alles andere unklarer als je zuvor.
In den politisch neutralen Blogs und den professionellen Medienseiten ist der Ausgang des Wahlsonntags ein großes Thema. Während man sich als nicht Betroffener einerseits entspannt zurücklehnt und teilweise amüsiert die Lage kommentiert, ist man doch andererseits auch hier spürbar verwirrt. Mehr denn je scheint die Situation offen, unkalkulierbar, außer Kontrolle. Nicht zuletzt deshalb kommentiert man die Situation auch mit Begriffen wie das „große Lotteriespiel“ oder das „große Farbenspiel“.
Die Medienseiten konzentrieren sich auf die Union als Wahlverlierer, die Linke als Sieger und die nun entstandene Situation. Handelsblatt.com titelt „Saar-Napoleon spielt seine Lieblingsrolle“, RP-Online schreibt „Der letzte König von Saarbrücken“. Diese Kommentare sind typisch für die Berichterstat¬tung nach dem Super-Wahlsonntag. Die Lage für die SPD und die CDU werde auf jeden Fall nicht einfacher und Lafontaine stürze die SPD in ein strategisches Dilemma. Parallel dazu beginnt man über die Folgen der Wahlergebnisse, vor allem aber die nun möglichen Koalitionskonstellationen zu spekulieren. Dabei geht es zwar forsch in alle Richtungen, aber erkennbar ohne eine klare Idee, wie sich die Ergebnisse (und deren Gründe) in zukunftsweisende politische Konstellationen für Deutschland umsetzen ließen. Trotz vieler spekulativer Zeilen lässt sich die Ratlosigkeit der Medienwelt über die Ergebnisse, ihre Bedeutung für die Bundestagswahl und die folgende Legislaturperiode nicht übersehen.
Die Blogs der den Parteien näher stehenden politischen Communities befinden sich 3 Tage nach der Wahl dagegen offensichtlich in einer Art Schockstarre. Es finden sich kaum Beiträge und Kommentare zu den Ergebnissen des Sonntags. Allerorten herrscht große Unsicherheit. Weder der liberalen, der grünen, der konservativen noch der sozialdemokratischen Community ist so richtig zum Feiern zumute.
Einig sind sich alle diese Communities – auch die konservative – darin, dass die Landtagswahlen für die CDU und die Kanzlerin nicht gut gelaufen sind. Der sozialdemokratischen Community hat das offenbar ein wenig Oberwasser beschert. Wie nicht anders zu erwarten, freut man sich hier über die massiven Verluste der CDU und wirft Angela Merkel Profil- und Richtungslosigkeit vor. Ein Zitat spiegelt die Gemütslage wider: „Althaus war der erste Streich, doch die Merkel folgt sogleich“. Dagegen sieht man Frank-Walter Steinmeier als Wahlgewinner. Man spürt Rückenwind für die SPD und ihren Kandidaten und gibt sich entsprechend kämpferisch. Für die SPD beginne nun der „High Noon“. Zwischen den Zeilen aber ist auch in der SPD-nahen Community deutlich zu spüren, wie die Angst mitschwingt, dass man sich die Ergebnisse schönredet und Illusionen über die eigenen Chancen macht.
In der konservativen Community nimmt man diese Sicht eben so gelassen zur Kenntnis wie die Ankündigung, dass Steinmeier nun ordentlich „Gas gebe“. Bei allen Sorgen um das Abschneiden der Union bei den Landtagswahlen flößt die SPD keine Angst ein. Angst hat man eher vor den Wählern, die unberechenbarer denn je zu operieren scheinen und die man ganz offensichtlich nicht so erreicht und überzeugt, wie man das geplant und erhofft hatte. Vor allem die Wahlkampf-Strategie der CDU bietet deshalb Anlass zur kontroversen Diskussion. In der konservativen (und der liberalen) Community werden Stimmen laut, dass der furchtbar langweilige, leidenschaftslose und emotionslose „Wahlkampfvermeidungswahlkampf“ (Sprengsatz.de) ein wsentlicher Teil des Problems sei.
Oskar Lafontaine und die Linke werden in den konservativen und sozialdemokratischen Blogs als persona non grata weitgehend ignoriert. Einige Kommentare der liberalen Community wundern sich und stellen bestürzt fest, dass Lafontaines Erfolg auf einfachsten Versprechungen beruhe, auf die Menschen immer wieder hereinfallen. Wie zu erwarten beglückwünscht dagegen die linke Community Lafontaine zum sensationellen Wahlsieg im Saarland. Die SPD habe jetzt ein Lafo-Trauma. Genüsslich stellt man zudem fest, dass nun wohl das große Zittern der arrivierten Parteien losgeht.

Fazit: Es gibt offensichtlich mehr Verlierer als Gewinner nach diesem Wahl-Sonntag. Konfusion macht sich breit. Der Wahlkampf entwickelt sich zum Kommunikationsdesaster. Die Hoffnung, dass die Landtagswahlen Orientierung bringen, ist völlig enttäuscht. Die Irritationen reichen tief:
1.    Eigentlich schien alles klar: Die CDU lag vorn, die Liberalen gewannen an Boden. In der Summe sollten die Prozente reichen – trotz eines eklatanten Mangels an echter Wechselstimmung und trotz mangelnder Begeisterung über die Aussichten mit einer schwarz-gelben-Koalition. Aber Rot-Rot, so dachte man, wünschen sich noch viel weniger, nicht einmal die Sozialdemokraten selbst. Nun könnte es aber doch anders kommen.
2.    Die CDU verliert drastisch, von Siegerlaune keine Spur. Ihr Fall heraus aus dem Status der Volkspartei nimmt zunächst weiter seinen Lauf. Außerdem ist es die erste spürbare Niederlage nach vielen guten Nachrichten und guten Umfrageergebnissen (vor allem für Kanzlerin Merkel). Die SPD wurde von dort bereits verabschiedet und kann sich nun auf niedrigem Niveau der Illusion von „Erfolg“ hingeben. So widersinnig und verzweifelt es klingen mag: Möglicherweise mobilisiert gerade das neue Käfte und damit einen kleinen Schub für die Genossen.Die Linke feiert sich als Gewinner. Immerhin hat man im Westen einen Erfolg von ostdeutschem Ausmaß erzielt. Nichtsdestotrotz wird sie von den anderen „links“ liegen gelassen. Man versucht das Thema und seine Implikationen unter den Teppich zu kehren. Aber bekanntlich geht so etwas selten gut.
3.    Grüne und Liberale versuchen derweil, sich ins Fäustchen zu lachen. Vordergründig ist ihre Welt in Ordnung, schließlich gibt es allerorten Gewinne. Dumm ist nur, dass die Koalitionsarithmetik nun gefährdet ist. Mag sein, dass alles gut geht und man sich koalitionsbezogen am 27. September 2009 in vertrauten Gewässern befindet. Möglich erscheint aber auch ein Ergebnis, dass ihrem politischen Spitzenpersonal noch graue Haare bescheren könnte. Dennoch ist ihre Situation noch weitaus komfortaler als die der beiden „großen“ Parteien.
4.    In den CDU-nahen Blogs wird auch deshalb Kritik laut: Die Irritationen über einen übersouverä-nen Kanzlerwahlkampf ohne politisches Herzblut, ohne programmatische Brillanz und Offensive, ohne klare Kante nimmt zu. Ohne Zweifel brodelt es im Kessel und die Angst geht um. Ein Ergebnis auf dem Niveau von 2005 oder darunter ist nichts weniger als eine klare Niederlage gegenüber den eigenen Ansprüchen. Sie würde zudem das Selbstkonzept als letzte große Volkspartei massiv beschädigen.
5.    Die SPD befindet sich in einem schlimmen strategischen Dilemma: Die Landtagswahlen haben gezeigt, dass eine Zukunft im20-Prozent-Turm nun Gegenwart wird. Das katapultiert sie – für jedermann sichtbar – in eine Situation, in der sie sich schon im Vorfeld der Bundestagswahl sehr unangenehmen Alternativen stellen muss. Geht man in die Opposition oder stellt man sich den potenziellen Partnern, die man zumindest nach außen hin gerne vermeiden wollte: Union bzw. Linke? Die Kollateralschäden lassen in beiden Fällen wenig Gutes für die nächsten Jahre erwarten.

So unspannend der Wahlkampf also ist: Gerade deshalb wird es nun langsam richtig spannend. Wird es den Volksparteien gelingen, sich aus der Starre zu lösen? Werden wir als Bürger vielleicht doch noch mehr zu hören bekommen als dröhnende und inhaltsleere Phrasen? Werden die Deutschen am Ende ein Wahlergebnis verursachen, dass die Republik zu neuen politischen Konstellationen führt? Und was werden die Folgen sein?
Sicher scheint gegenwärtig nur eins: Das Land befindet sich politisch in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess, dessen Ergebnisse unabsehbar sind. Die Bundestagswahlen werden in diesem wohl eher Etappe als Richtungsentscheidung sein. Das spürt man auch im politischen Web. Stellen wir uns also auf allerhand Trubel und Veränderung ein.

31. August 2009

Wahlradar und die Piraten-Partei
nicht bewertet — linkfluence_de @ 13 h 20 min

Die Piraten-Partei ist spätestens seit der Europawahl immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Wie die Besucher von Wahlradar vielleicht festgestellt haben, ist die Piraten-Partei (und ihr nahe Websites) noch nicht auf unserer Wahlradar-Karte zu finden. Das Fehlen hat nichts damit zu tun, dass wir die Piraten-Partei ignorieren, sondern ist schlicht und ergreifend technischer Natur. Die erste Kategorisierung fand im Frühjahr dieses Jahres statt und um ehrlich zu sein, spielte die Piratenpartei vor ihrem Erfolg bei der Europawahl noch eine untergeordnete Rolle. Wir, die Macher von Wahlradar sind auch etwas vom Erfolg überrascht worden.
Wir scannen die Blogosphäre permanent und checken auch die Verlinkungen der Websites.
Bei unserem nächsten Release wird die Piraten-Partei sicherlich auf der Karte vorkommen. Auch nach der Aufnahme der Piratenseiten wird die Karte jedoch nicht alle diese Seiten anzeigen. Auf der Karte werden nämlich nicht alle Websites dargestellt (auch nicht die der anderen Parteien), sondern eine Auswahl. Die Auswahl steuern wir über den Verlinkungsgrad, weil das für uns ein Gradmesser für die Relevanz ist. Als “Netzpartei” werden es aber mit Sicherheit etliche der Piratenseiten auf die Karte schaffen.
Das Besondere bei Wahlradar, im Gegensatz zu anderen Anbietern ist, dass wir die Blogosphäre nicht nur monitoren, sondern dass wir sie segmentieren. Diese Kategorisierung für die Segmentierung  und die Erstellung einer neuen „Karte“ ist sehr aufwendig. Wir bitten deswegen um ein wenig Geduld.
In den nächsten 2 Wochen wird aber auf jeden Fall eine Analyse zur Piraten-Partei auf unserem Wahlradar-Blog zu lesen sein.

27. August 2009

Das Phänomen zu Guttenberg – Fixstern der Medien und neuer Sonnenkönig der Christdemokraten?
nicht bewertet — linkfluence_de @ 13 h 17 min

Karl-Theodor zu Guttenberg ist ohne Zweifel der politische Aufsteiger des Jahres. Gut angezogen, eloquent, mit sachlicher Attitüde und positiver Ausstrahlung erzielt er außergewöhnliche Popularitätswerte in der Bevölkerung und ist folgerichtig auch Liebling der Medien. Aber spielt er auch im Web eine besondere Rolle und vor allem: Wie wird er dort diskutiert und kommentiert?  Die Forscher von Q | Agentur für Forschung und linkfluence Deutschland haben sich die Frage vorgenommen und die Resonanz auf zu Guttenberg vom 1. Juli 2009 bis zum 24. August 2009 im politischen Web analysiert. Grundlage sind ca. 1600 Artikel und Postings, in denen zu Guttenberg Thema war.
Zu Guttenberg spielt auch im politischen Web eine besondere Rolle. Das macht ein Blick auf die Präsenz einiger wichtiger Politiker schnell deutlich. Medial etwa ist seine Präsenz fast mit der des SPD-Spitzenkandidaten Steinmeier vergleichbar, allerdings mit sehr unterschiedlichen Schwerpun-kten in Blogs bzw. professionellen Online-Medien.

Einige Spitzenpolitiker im Netz – ein quantitativer Vergleich

Die Zahlen beziehen sich auf Posts und Beiträge, in denen die jeweiligen Politiker in den letzten 2 Monaten genannt oder zitiert wurden:
Beiträge gesamt (politische Blogs und professionelle Online-Medien): 10.880
Davon in polit. Blogs/social Media: 61%
Professionelle Online-Medien: 39%

bild15

Die Übersicht zeigt das große Gefälle in der Präsenz einiger wichtiger Politiker und damit die Sogwirkung der öffentlich dominierenden Personen. Das muss sich nicht unbedingt proportional in Wählerstimmen niederschlagen, bedeutet aber doch einen Platzvorteil in der öffentlichen Debatte. Wenig überrascht dabei, dass Angela Merkel bei Bloggern wie in den Online-Medien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Nichts anderes erwartet man von der Kanzlerin. Erstaunlich ist dagegen, dass Frank-Walter Steinmeier zwar in den Blogs Thema ist, aber bei den Online-Medien eine relativ geringe Rolle spielt. Über die Ursachen kann man nur spekulieren, aber offensichtlich läuft seine Medienstrategie im Netzt seit Wochen ohne die gewünschte Durchschlagskraft.
Im Vergleich dazu findet zu Guttenberg auch im Netz beträchtliche Resonanz - in Blogs und sozialen Netzwerken, stärker aber noch in den klassischen Online-Medien. Für die Union ist dies zunächst ein großer Pluspunkt. Zwei richtige Asse im Ärmel (Merkel und zu Guttenberg) sichern den medialen Hebel, den die Kampagne in der Schlussphase braucht und hilft, beim Agenda-Setting die Nase vorn zu haben.
Allein, Bekanntheit und Aufmerksamkeit sind nicht alles. Das gilt im Marketing wie in der Politik. Es lohnt daher der Blick auf Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit der „Marke“ zu Guttenberg. Die Analyse zeigt, dass die politischen Communities sehr unterschiedlich reagieren.
Besonders viel Resonanz erzielt zu Guttenberg bei den professionellen Online-Medien. Ohne Zweifel ist er für sie eine Steilvorlage. Kein Wunder, denn in einer personell abgegrasten, ausgesprochen trocken und langweilig wirkenden politischen Landschaft sorgt er zumindest für Abwechslung und punktet damit gegen die Riegen eher farbloser und unspannender Politiker. Ursache ist nicht zuletzt seine polarisierende Wirkung als Adliger, Senkrechtstarter und ausweislich der Umfragen populärer Spitzenmann. Gerade weil er diese Position ohne nachgewiesenen politischen Erfolg einnimmt, wird er aber durchaus kontrovers diskutiert, ruft Widerstände, Missgunst und skeptische Kritik hervor.
Topthemen, mit denen er in Zusammenhang  gebracht wird, sind Opel, das Gesetz-Outsourcing bei Linklaters und das vermeintliche Industriekonzept. Hinzu kommt eine Vielzahl von Nebenthemen: Kritik an den Regeln für Banker-Boni, der CSU-Minister auf CDU- Plakaten, seine Kritik an Steinmeiers Deutschland-Plan, Widerstand gegen den Gesetzentwurf von Frau von der Leyen, die Hakeleien mit Seehofer oder seine Beliebtheit in Umfragen. Immer aber bietet das Material Reibungsflächen und damit Futter für erhitzte Gemüter. Das  macht ihn interessant, ohne dass er als politischer Wadenbeißer abgetan werden kann.

Auch in der Community der politisch eher neutralen Blogs und Sites widmet man ihm große Aufmerksamkeit. Die Resonanz ist für die ansonsten sehr kritische Community durchaus günstig. Viele Artikel und Kommentare setzen sich differenziert mit ihm auseinander, greifen die aktuellen Themen auf, kritisieren und loben. Unverkennbar: Auf der einen Seite fasziniert die Person, man begegnet ihr mit Respekt. Auf der anderen Seite spürt man beträchtliche Zurückhaltung. Schließlich ist er ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt und deshalb schwer einzuschätzen. Wie Lewis Hamilton schoss er an die Spitze, so eine Metapher, aber ob er ein Michael Schumacher werden kann, ist noch ungewiss.

Deutlich geringer dagegen fällt der Anteil der Beiträge aus, die aus den parteinäheren Communities kommen. Allerdings wird hier die polarisierende Wirkung des Wirtschaftsministers deutlicher.
•    Die konservative Community verhält sich überraschend ruhig und posted erstaunlich wenig. cht grundlos ist von daher der Eindruck mancher Beobachter, dass der neue Star am politischen Himmel stärker über die Union hinaus statt in sie hinein wirkt. Grundsätzlich schreibt man über ihn natürlich positiv. Allerdings machen sich vor allem bei konservativen Querdenkern auch kognitive Dissonanzen breit. Ist er mehr als ein populäres Strohfeuer? Zeichnet er das richtige Bild von der Unionspolitik? Oder wirkt er als eine abschreckende Vorlage für schwarz-gelbe Koalitionsalbträume?
•    In der sozialdemokratischen Community hält man sich noch erstaunlich zurück. Wo man sich mit ihm auseinandersetzt, dominieren offene Abneigung gegen den allzu glatt wirkenden Newcomer, Schadenfreude über Stolpersteine wie das industriepolitische Papier oder die Causa Linklaters sowie die hämisch kommentierte Tatsache, dass zu Guttenberg den arrivierten Politikern in der CDU/CSU und vor allem seinem Mentor Seehofer die Show stiehlt.
•    In der liberalen Community ist der Wirtschaftsminister derzeit noch erkennbar ein politischer Gegner. Allerdings: Der Mann fasziniert auch. Er stellt einen Politikertypus dar, wie man ihn seit langem vermisst: „Elegant, charmant, (relativ) jung und womöglich sogar standhaft“. Die Sehnsucht nach einem solchen Typus für die FDP ist unverkennbar. Mal irritiert, mal süffisant stellt man aber auch fest, dass die CDU nun anscheinend schon CSU-Politiker jenseits des Weißwurstäquators plakatieren muss: Fehlen der CDU etwa die überzeugenden Köpfe, die neben der Kanzlerin punkten und überzeugen können?
•    In der grünenfreundlichen Community ist zu Guttenberg kein wichtiges Thema.  Man geht mit ihm kritisch, aber moderater und weniger auf die Person zielend um als etwa die linke Community. Politisch aber wird er als negativer Vorbote einer industriefreundlichen schwarz-gelben Koalitionspolitik gewertet. Aussagen zu erneuerbaren Energien als Schwerpunkt des Wirtschaftsministeriums sorgen für Heiterkeit oder ungläubiges Kopfschütteln. Glaubwürdig wirkt das nicht. Typisch findet man eher die Haltung zur Atomenergie.
•    Am negativsten reagiert die linke Community. Hier liegen die Verhältnisse einfach: Der adlige Minister ist (fast schon qua Geburt) Feindbild und Ausgeburt des bösen Neoliberalismus. Man wirft ihm soziale Kälte vor, rechnet mit Angriffen auf die bestehenden Mindestlöhne und erwartet die Auslieferung der Politik an die mächtigen Lobbys der Wirtschaft. Zumindest hier also wirken weder seine ausgesuchten Manieren, noch seine Eloquenz.
Ohne Zweifel hat es der Wirtschaftsminister in kurzer Zeit zu ungewöhnlichem politischen Markenstatus gebracht. Er spielt dadurch eine bedeutende Rolle in der politischen Auseinandersetzung, auch im politischen Web.  Stärker als außerhalb des Netzes fällt allerdings die sehr differenzierte Wahrnehmung des Politikers auf. Er wird ernst genommen, man lobt die wohltuend andere Art und damit den Kontrast zum allzu bekannten politischen Personal. Darüber wird aber nicht vergessen, sich auch kritisch mit Inhalten auseinanderzusetzen. Der Trubel um die Person kann das große inhaltliche Manko der Union nicht wettmachen. Zudem ist eine gehörige Portion Skepsis in Blogs und Medien erkennbar: Völlig offen scheint vielen, ob dieser neue politische Popstar nur als bald wieder verglühender Komet den Wahlkampf ausleuchtet, oder ob er dauerhaft und erfolgreich die politisch-personelle Ausstattung der Republik aufwerten kann.
Bleibt die Frage, ob zu Guttenberg das Blatt für die Union entscheidend beeinflussen kann. Bis zum 27. September sind es noch gute 4 Wochen.  Selbst für diesen kurzen Zeitraum muss sich erst noch zeigen, ob der neue Star mehr als nur Aufmerksamkeitswirkung hat. Die Geschichte fordert eher die zurückhaltende Prognose. Die Deutschen waren in den letzten Jahrzehnten kein Volk für vordergründige Wahlentscheidungen. Am Schluss muss also Butter bei die Fische. Ob zu Guttenberg dann mehr als ein populäres Add-On ist, wird sich erst noch zeigen müssen.

20. August 2009

Stell Dir vor es ist Wahlkampf und keiner kämpft
nicht bewertet — linkfluence_de @ 11 h 20 min

Na was denn jetzt? Haben wir bald Bundestagswahl oder nicht? Glaubt man einer aktuellen Umfrage des Stern, wissen das viele Bürger nicht so recht. 48% der Befragten wussten auf die Frage “Können Sie mir sagen, wann in diesem Jahr die Bundestagswahl stattfindet?” keine richtige Antwort. Der Befund irritiert 6 Wochen vor der Wahl umso mehr, als nicht einmal nach dem exakten Datum gefragt wurde, sondern auch ungefähre Angaben wie „Ende September“ als „richtig“ gezählt hätten.

So richtig Stimmung kommt anscheinend irgendwie nicht auf. Wir wollten deshalb wissen, ob es wenigstens im politischen Web nach Wahlkapmfpulver riecht. Schließlich hatten wir noch vor zwei Wochen an dieser Stelle mit einem gewissen Aufatmen – demokratisches Engagement ist schließlich Bürgerpflicht – berichtet, dass der Wahlkampf im politischen Web begonnen habe. Anlass war die Vorstellung des Deutschland-Plans von Frank-Walter Steinmeier, die zu allerhand Resonanz führte.

Die aktuelle Auswertung von linkfluence Deutschland/Q Agentur für Forschung mit www.wahlradar.de zeigt, dass die Bundestagswahl und der Wahlkampf zwar Thema im politischen Web sind, die Beiträge aber häufig von einer Mischung aus Langeweile, Frust und Unlust geprägt sind.

Die oberflächlichen, „nackten“ Zahlen der Gesamtresonanz lassen zunächst das Gegenteil vermuten: Zwischen dem 15.8. und dem 19.08.2009 (11.00 Uhr) fanden sich im politischen Web über 1100 Postings zu Bundestagswahl und Wahlkampf. Der Blick auf die Details wirkt dann allerdings doch sehr ernüchternd. Es kristallisieren sich nämlich 6 dominierende Themen-Cluster heraus, die im Moment das politische Web bewegen:
* Langeweile im Wahlkampf
* Der Kampf der „Giganten“  gegeneinander: SPD versus  CDU, oder besser gesagt: Münte versus  Merkel und zu Guttenberg
* Das angebliche industriepolitische Gesamtkonzept von Minister zu Guttenbergs sowie das „Durchsickern“ desselben
* Berichte über Wahlkampfauftritte und Aussagen von und über einzelne Politiker
* „Spaßthemen“, z.B. Wahlplakat-Aufreger á la Vera Lengsfeld oder die „Kampagne“ von Horst Schlämmer
* Sowie die anstehenden Landtagswahlen.

Von großen politischen oder gar bundespolitischen (um angemessen präzise zu sein) Themen, Konfliktlinien, Konzepten, Lösungen, gar richtungsweisenden und richtungsentscheidenden Auseinandersetzungen fehlt jede Spur. Es ist geradezu auffällig, wir oft man sich aus einer Art distanzierter Vogelperspektive über Wahl und Wahlkampf äußert: ohne sich wirklich zu engagieren, Partei zu ergreifen, inhaltlich und politisch vertieft zu diskutieren. Es geht eher um das Wie als um das Was. Sachthemen oder politische Kernthemen kommen kaum vor.

Stattdessen haben teils abseitige Nebenthemen Konjunktur. Regionale Possen werden zum bundesweiten Thema (siehe unseren Beitrag aus der letzten Woche: Welthits im Wahlkampf), Stilfragen verursachen Stürme im Wasserglas, Satireaktionen wie die Horst-Schlämmer-Partei amüsieren das Publikum.
Die Online-Medien leisten dazu ihren Beitrag und pushen die Themen. Was sollen sie auch machen, wenn die inhaltliche Auseinandersetzung ausfällt? Es ist vom Kuschel- oder Null-Wahlkampf zu lesen oder schlicht und ergreifend vom langweiligsten Wahlkampf der Geschichte der Bundesrepublik. Dieser „Watte-Wahlkampf“ ist ganz sicher nicht nach ihrem Geschmack und so müssen sie die Brosamen auflesen, die vom spärlich gefüllten politischen Tisch fallen. Ihre Titel und Kommentare spiegeln die Situation wider:

* „Sechs Wochen noch…: Merkel und der entpolitisierte Watte-Wahlkampf“ (WELT ONLINE)
* „SPD: Wahlkampf: Merkel, Münte und der kalkulierte Krawall“ (sueddeutsche.de)
* „Analyse: Wahlkampf ohne Fragen - Dass ein Wahlkampf weder von den Parteien genutzt wird, um sich neu zu profilieren, noch von den Bürgern in Anspruch genommen wird, die bisher vereinten Regierungspartner getrennt zur Rede zu stellen, ist in der Geschichte der Bundesrepublik ziemlich neu. Die von der Politik verabreichte Krisenmedizin wirkt.“ (FAZ.NET)

Es ist kaum zu übersehen, dass die große Koalition die Konturen zwischen den politischen „Marktführern“ für das Publikum bis zur Unkenntlichkeit verwischt hat. Der Wahlkampf zeigt aber nun, dass es sogar den Koalitionspartnern große Mühe macht, sie wieder scharf zu zeichnen. Die Frage muss erlaubt sein, ob ihnen nur die Worte fehlen, ob alles nur ein Marketingdesaster ist, oder ob das Problem nicht vielleicht doch tiefer liegt: Nämlich in dem, was diese großen Marken politisch zu bieten haben.

Die Folgen werden wir ab dem 27. September besichtigen können. Bis dahin bleibt angesichts einer miserablen Mobilisierung durch einen langweiligen Wahlkampf alles offen. Nur eines scheint sicher: Es wird so manche böse Überraschung geben. Der Blick in die politischen Communities lässt es erahnen:

Von den über 1100 Beiträgen zwischen dem 15.8. 2009 und dem 19.8. vormittags entfallen 51% auf die professionellen Medienseiten, ein durchaus moderater Anteil im Vergleich zu anderen Themen. Wirklich erstaunlich sind aber die Anteile der anderen Sub-Communities:

* Nicht parteinahe Institutionen/Organisationen/Verbände etc.: 26 %
* Linke Community: 5 %
* Sozialdemokratische Community: 4 %
* Satire Community: 4 %
* Liberale Community: 3 %
* Rechte Community: 3 %
* Konservative Community: 2 %
* Grüne Community: 1 %

Spätestens jetzt sollten bei den Wahlkämpfern in den Parteizentralen wohl die Alarmsirenen schrillen. Denn die parteinah engagierten Webaktiven machen in Passiv statt Aktiv. Ihre Anteile an den Postings liegen durchweg deutlich unter ihren Anteilen an den Sites im politischen Web. Dagegen liegt der Anteil bei den nicht Parteinahen deutlich darüber. Und gerade hier wird der öde Wahlkampf lautstark beklagt. Ohne Zweifel lässt sich das als Indikator für ein gravierendes Mobilisierungsdefizit deuten. Es betrifft aber wohl nicht nur die Sozialdemokraten, für die man es nach den Berichten der letzten Monate nicht mehr anders erwarten würde. Auch die Konservativen  bleiben weit unter ihren Möglichkeiten, die Debatten und damit die Meinungsbildung zu beeinflussen.

Was sich hier im politischen Web zeigt, dürfte in der weniger webaffinen Bevölkerung kaum anders aussehen. Die Berichte aus Bevölkerungsumfragen lassen das jedenfalls vermuten. Das politische Web erweist sich damit wieder einmal als ein schnell analysierbarer, sehr aufschlussreicher Indikator für den Stand der öffentlichen Debatte.

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